#Melitta Breznik #2020 #Mai #Literaturhaus Basel

Mittwoch, 13. Mai. 20, 14:02 Uhr

Literaturhaus Basel
«home delivery» liefert Ihnen in unregelmässigen Abständen Texte frei ins Haus: Damit wir den Kontakt zu unseren früheren und zukünftigen Gästen trotz Covid-19-Isolation nicht verlieren und damit Sie, liebes Publikum, trotzdem aus erster Hand erfahren, was die Schriftsteller*innen zu sagen haben, haben wir einige von ihnen gebeten, etwas für Sie zu schreiben. Das Thema ist offen, die Autor*innen haben carte blanche. Ausserdem weisen wir mit kurzen Ausschnitten auf Bücher hin, die im Literaturhaus hätten vorgestellt werden sollen.

 «Es ist später als Du denkst»
Inschrift auf einem Marmorstein
in Laas, Südtirol

Am Morgen macht Mutter Gymnastik im Bett. Ihr Bewegungsradius hat sich eingeschränkt, sie kreist ihre Hände, bewegt ihren Kopf auf dem Kissen hin und her, versucht ihre Beine anzuziehen. Seit jeher war sie darum bemüht, ihre Gelenkigkeit zu erhalten und nicht alle Wehwehchen der Medizin zu überlassen. Inzwischen merke ich selbst, wie sich mein Körper verändert, wie gewohnte Bewegungen sich eckiger anfühlen, die Knie oder die Hüften nicht mehr auf Anhieb den geschmeidigen Ablauf garantieren. Noch im letzten Sommer hatte ich die ersten äusserlichen Anzeichen des Älterwerdens nicht so ernst genommen, bis ich eines Abends über die trockene Haut meiner Unterarme strich, die unregelmässig verteilten kleinen braunen Flecken wahrnahm und an die Altersmale der ehemaligen Nachbarin aus dem Unterstock denken musste. Als Kind hatte mich beeindruckt, wenn ihre bräunlich gesprenkelte Hand, von der ich kaum meinen Blick losreissen konnte, beim Viererschnapsen, zu dem Mutter gelegentlich eingeladen war, die Karten hielt. Es ist der schleichende Verlust des prallen Lebens, auf den man sich nicht vorbereiten kann, weil alles, was darüber erzählt wird, nicht aus dem eigenen Erleben kommt.